
Emil Nolde
Herbstmeer XI, 1910
Öl auf Leinwand, 70 x 89,5 cm
Foto: Courtesy Kunsthaus Zürich
© 2009 Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde
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Kunsthaus Zürich
Heimplatz 1
8001 Zürich
Tel. +41 (0)44 253 84 84
Öffnungszeiten: Sa/So/Di 10–18 Uhr, Mi/Do/Fr 10–20 Uhr, montags
geschlossen. Weihnachten: 24./26. Dezember 10–18 Uhr. 25. Dezember
geschlossen.
Silvester/Neujahr: 31. Dezember und 1./2. Januar 10–18 Uhr. www.kunsthaus.ch
Die Accrochage «Aufbruch zu neuen Ufern» umfasst elf Gemälde,
siebzehn Radierungen, acht Aquarelle, zwei Holzschnitte, eine Gouache und
eine Tuschezeichnung. Die Begegnung mit Noldes Bildwelt erfolgt anhand
von Werken aus dem Bestand des Kunsthauses und zahlreicher, zum Teil
selten gesehener Leihgaben. Das nahezu abstrakte Seestück «Herbstmeer XI»
stammt aus dem für Nolde sehr wichtigen Schaffensjahr 1910. Er befand
sich, was die Entwicklung der modernen Malerei anbelangt, auf der Höhe
seiner Zeit. Wenige Monate zuvor hatte er seine berühmte Radierungsserie
zum Hamburger Hafen fertig gestellt. Dass die Serie der Hamburger
Radierungen fast vollständig gezeigt werden kann, ist dem glücklichen
Umstand zu verdanken, dass neben Blättern aus Schweizer Museen auch
Leihgaben eines Basler Privatsammlers zur Verfügung stehen. Zusammen mit
Noldes «Selbstporträt» (1911), den «Schiffen im Hafen Flensburg» (1907)
und den Holzschnitten «Fischdampfer» und «Segelboot» (beide 1910) bilden
sie das grafische Pendant zum «Herbstmeer XI». In ihrem sehr freien,
malerischen Duktus nehmen sie schwarzweiss vorweg, was Nolde einige
Monate später in seiner Serie der «Herbstmeere» in Farbe umsetzen wird:
Der unmittelbare Ausdruck innerer Empfindung angesichts einer
spannungsgeladenen atmosphärischen Stimmung. Wenn die Hamburger Arbeiten
sich hinsichtlich Jahr und Motiv direkt auf «Herbstmeer XI» beziehen, so
erlauben die Aquarelle «Lichte Blumen» aus der Coninx-Stiftung, «Mohn»
und «Sonnenblumen» (1930-35) aus der Merzbacher Kunststiftung, «Haus mit
Garten» (um 1910) und «Moorlandschaft mit schweren, schwarzen Wolken» aus
dem Basler Kupferstichkabinett sowie die «Nordsee-Landschaft» (1928) aus
der Grafischen Sammlung der ETH Zürich, einen exemplarischen Einblick in
das farbige Œuvre von Nolde. Mit den beiden Gemälden «Blumengarten. Zwei
Frauen» (1908), einem wahren Blütenmeer, «Begonien» (1929) und den zwei
ausdrucksstarken Aquarellen «Das Schiff» und «Landschaft mit roten
Häusern (Düstere Landschaft)» präsentiert das Kunsthaus Zürich weitere
bedeutende Nolde-Werke.
AUFBRUCH ZU NEUEN UFERN BEI KÜNSTLERN UND MUSEEN
Mit dem Titel der Ausstellung spielt Gastkuratorin Lucia Angela Cavegn
einerseits auf das Sujet von «Herbstmeer XI» an, andererseits auf die
Entwicklung der modernen Malerei in Richtung Abstraktion sowie Noldes
kurze Mitgliedschaft bei der Künstlergruppe «Brücke» (1906/07). Ausserdem
bedeutete der Bau des Kunsthauses im Jahr 1910 durch den renommierten
Architekten Karl Moser eine Aufwertung Zürichs als Kulturstadt. Während
der ersten 40 Jahre stand das Kunsthaus unter der Leitung von Wilhelm
Wartmann. Eine seiner letzten Ausstellungen fand im Frühjahr 1949 unter
dem Titel «Kunst in Deutschland 1930–1949» statt. Der
zweiundachtzigjährige Emil Nolde war an dieser Ausstellung mit vier
Gemälden vertreten, unter anderem mit «Herbstmeer XI». Das Bild war als
Leihgabe der Zürcher Galeristin Chichio Haller zur Verfügung gestellt
worden. Im Februar des darauffolgenden Jahres beschloss die
Sammlungskommission nach längerer Diskussion den Ankauf des Bildes in der
Höhe von CHF 3‘500.– zu beantragen, was dann im gleichen Jahr noch vom
Vorstand gutgeheissen wurde.
KUNSTGESCHICHTLICHE EINBETTUNG
Die Zeit zwischen 1900 und 1915 war eine innovative Periode in der
europäischen Kunstgeschichte. Parallel zum Wettlauf um die Eroberung der
Lüfte und der Meere durch Flugzeuge und U-Boote und zur Entwicklung der
Relativitätstheorie befand sich die Malerei auf der Zielgeraden zur
Ungegenständlichkeit. Neoimpressionismus, Fauvismus, Expressionismus,
Kubismus und Futurismus bereiteten den Weg – zunächst für die expressive
Abstraktion eines Kandinsky (1910/11), welche dann in ihrer Radikalität
noch durch die geometrische Abstraktion eines Malewitsch (1913/15)
übertroffen wurde. Mit dem «Schwarzen Quadrat», das 1915 erstmals gezeigt
wurde, erschloss dieser der Kunst definitiv eine neue
Dimension.
HERBSTMEER: NATURSCHAUSPIEL UND SPIRITUELLES ERLEBNIS
Noldes Serie der «Herbstmeere», die im Herbst 1910 bzw. 1911 am Strand
der Ostsee-Insel Alsen entstand, bewegt sich an der Grenze zur
Abstraktion. Einige Fassungen wie «Herbstmeer IX» (nicht ausgestellt)
wären ohne Kenntnis von Titel und Urheber schwer einzuordnen.
Anhaltspunkte, dass es sich um Seestücke handelt, geben die Wellenkämme,
die Wolkenformationen und – wie im Fall von «Herbstmeer XI» – die
Andeutung einer Küste, die als Felskuppe über die Horizontlinie
hinausragt. Luft und Wasser sind in leuchtenden Farben gemalt, nehmen am
Himmel abzeichnende Lichtspiele auf. Die aufgepeitschte Ostsee und die
schweren Wolken evozieren den Eindruck von Sturmböen; nicht nur die Natur
ist aufgewühlt, sondern auch das Innenleben des Malers. Die dramatische
Stimmung und die Weite von Meer und Himmel vermitteln das Gefühl von
Erhabenheit und lassen die Gemälde als Ausdruck von Naturverehrung
verstehen. So bilden die «Herbstmeere» nicht mehr im Sinne einer
Impression ein Naturschauspiel ab, sondern enthalten eine spirituelle
Komponente, indem sie über das Sichtbare hinaus auf das Unfassbare
verweisen und, ganz im Sinne von Kandinsky, die Seele des Betrachters in
Schwingung versetzen. Das Bildinventar ist aufs Minimum reduziert; der
grösste Teil der Bildfläche wird von den Elementen Wasser und Luft
eingenommen, die das Moment der Entgrenzung per se enthalten. Die Bilder
sind beinahe ungegenständlich. Dafür spielt die Farbe eine umso grössere
Rolle. Die Palette und der kraftvoll-dynamische Duktus sind die
wesentlichen Ausdrucksträger.
ZEITGENOSSEN MUNCH, MONET, ENSOR, AMIET, VLAMINCK, HODLER
Für die kunstgeschichtliche Einbettung von Noldes «Herbstmeer XI» wurden
aus dem Bestand des Kunsthaus Zürich Werke von Künstlern derselben
Generation herbeigezogen, bei denen den Elementen Wasser und Himmel
ebenfalls grosse Bedeutung zukommt, sei es als Sujets, als Spiegel
atmosphärischen Lichtes oder als freier, unbesetzter Raum: «Winternacht»
(um 1900) von Edvard Munch; «Marine» (um 1900/1910) von Jean Puy, «Der
Dogenpalast, von San Giorgio Maggiore aus gesehen» (1908) von Claude
Monet, «Segelboote bei Chatou» (1907) von Maurice Vlaminck, «Sonniger
Wintertag» (1907) von Cuno Amiet, «Landschaft am See» (um 1910) von
Albert Trachsel, «Strand von Ostende» (um 1915) von James Ensor und
«Genfersee bei Sonnenuntergang» (1915) von Ferdinand Hodler. Die Kunst um
1900 bildet einen der Schwerpunkte der Sammlung des Kunsthaus Zürich. Den
Querbezügen vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart wird im
Jubiläumsjahr besondere Aufmerksamkeit zuteil.
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