Galerie Zabbeni

Kunsthaus Zürich zeigt Emil Noldes «Herbstmeer XI» in der Reihe Bilderwahl

Zürich: 20. November 2009 bis 7. Februar 2010

Aus Anlass des Jubiläums 100 Jahre Kunsthaus Zürich haben die Mitglieder der Zürcher Kunstgesellschaft das Gemälde «Herbstmeer XI» von Emil Nolde (1867-1956) für die Ausstellung «Bilderwahl!» gewählt. Das Bild entstand im Eröffnungsjahr des Kunsthauses (1910) und ist Teil seiner Sammlung. Vom 20. November 2009 bis 7. Februar 2010 wird es im Dialog mit motivisch ähnlichen Werken zeitgenössischer Künstler wie Monet, Munch, Ensor, Vlaminck u.a. gezeigt.
 

Emil Nolde
Herbstmeer XI, 1910
Öl auf Leinwand, 70 x 89,5 cm

Foto: Courtesy Kunsthaus Zürich
© 2009 Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde


 

 

Kunsthaus Zürich
Heimplatz 1
8001 Zürich
Tel. +41 (0)44 253 84 84

Öffnungszeiten: Sa/So/Di 10–18 Uhr, Mi/Do/Fr 10–20 Uhr, montags geschlossen. Weihnachten: 24./26. Dezember 10–18 Uhr. 25. Dezember geschlossen.
Silvester/Neujahr: 31. Dezember und 1./2. Januar 10–18 Uhr.

www.kunsthaus.ch


Die Accrochage «Aufbruch zu neuen Ufern» umfasst elf Gemälde, siebzehn Radierungen, acht Aquarelle, zwei Holzschnitte, eine Gouache und eine Tuschezeichnung. Die Begegnung mit Noldes Bildwelt erfolgt anhand von Werken aus dem Bestand des Kunsthauses und zahlreicher, zum Teil selten gesehener Leihgaben. Das nahezu abstrakte Seestück «Herbstmeer XI» stammt aus dem für Nolde sehr wichtigen Schaffensjahr 1910. Er befand sich, was die Entwicklung der modernen Malerei anbelangt, auf der Höhe seiner Zeit. Wenige Monate zuvor hatte er seine berühmte Radierungsserie zum Hamburger Hafen fertig gestellt. Dass die Serie der Hamburger Radierungen fast vollständig gezeigt werden kann, ist dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass neben Blättern aus Schweizer Museen auch Leihgaben eines Basler Privatsammlers zur Verfügung stehen. Zusammen mit Noldes «Selbstporträt» (1911), den «Schiffen im Hafen Flensburg» (1907) und den Holzschnitten «Fischdampfer» und «Segelboot» (beide 1910) bilden sie das grafische Pendant zum «Herbstmeer XI». In ihrem sehr freien, malerischen Duktus nehmen sie schwarzweiss vorweg, was Nolde einige Monate später in seiner Serie der «Herbstmeere» in Farbe umsetzen wird: Der unmittelbare Ausdruck innerer Empfindung angesichts einer spannungsgeladenen atmosphärischen Stimmung. Wenn die Hamburger Arbeiten sich hinsichtlich Jahr und Motiv direkt auf «Herbstmeer XI» beziehen, so erlauben die Aquarelle «Lichte Blumen» aus der Coninx-Stiftung, «Mohn» und «Sonnenblumen» (1930-35) aus der Merzbacher Kunststiftung, «Haus mit Garten» (um 1910) und «Moorlandschaft mit schweren, schwarzen Wolken» aus dem Basler Kupferstichkabinett sowie die «Nordsee-Landschaft» (1928) aus der Grafischen Sammlung der ETH Zürich, einen exemplarischen Einblick in das farbige Œuvre von Nolde. Mit den beiden Gemälden «Blumengarten. Zwei Frauen» (1908), einem wahren Blütenmeer, «Begonien» (1929) und den zwei ausdrucksstarken Aquarellen «Das Schiff» und «Landschaft mit roten Häusern (Düstere Landschaft)» präsentiert das Kunsthaus Zürich weitere bedeutende Nolde-Werke.

AUFBRUCH ZU NEUEN UFERN BEI KÜNSTLERN UND MUSEEN
Mit dem Titel der Ausstellung spielt Gastkuratorin Lucia Angela Cavegn einerseits auf das Sujet von «Herbstmeer XI» an, andererseits auf die Entwicklung der modernen Malerei in Richtung Abstraktion sowie Noldes kurze Mitgliedschaft bei der Künstlergruppe «Brücke» (1906/07). Ausserdem bedeutete der Bau des Kunsthauses im Jahr 1910 durch den renommierten Architekten Karl Moser eine Aufwertung Zürichs als Kulturstadt. Während der ersten 40 Jahre stand das Kunsthaus unter der Leitung von Wilhelm Wartmann. Eine seiner letzten Ausstellungen fand im Frühjahr 1949 unter dem Titel «Kunst in Deutschland 1930–1949» statt. Der zweiundachtzigjährige Emil Nolde war an dieser Ausstellung mit vier Gemälden vertreten, unter anderem mit «Herbstmeer XI». Das Bild war als Leihgabe der Zürcher Galeristin Chichio Haller zur Verfügung gestellt worden. Im Februar des darauffolgenden Jahres beschloss die Sammlungskommission nach längerer Diskussion den Ankauf des Bildes in der Höhe von CHF 3‘500.– zu beantragen, was dann im gleichen Jahr noch vom Vorstand gutgeheissen wurde.

KUNSTGESCHICHTLICHE EINBETTUNG
Die Zeit zwischen 1900 und 1915 war eine innovative Periode in der europäischen Kunstgeschichte. Parallel zum Wettlauf um die Eroberung der Lüfte und der Meere durch Flugzeuge und U-Boote und zur Entwicklung der Relativitätstheorie befand sich die Malerei auf der Zielgeraden zur Ungegenständlichkeit. Neoimpressionismus, Fauvismus, Expressionismus, Kubismus und Futurismus bereiteten den Weg – zunächst für die expressive Abstraktion eines Kandinsky (1910/11), welche dann in ihrer Radikalität noch durch die geometrische Abstraktion eines Malewitsch (1913/15) übertroffen wurde. Mit dem «Schwarzen Quadrat», das 1915 erstmals gezeigt wurde, erschloss dieser der Kunst definitiv eine neue Dimension.

HERBSTMEER: NATURSCHAUSPIEL UND SPIRITUELLES ERLEBNIS
Noldes Serie der «Herbstmeere», die im Herbst 1910 bzw. 1911 am Strand der Ostsee-Insel Alsen entstand, bewegt sich an der Grenze zur Abstraktion. Einige Fassungen wie «Herbstmeer IX» (nicht ausgestellt) wären ohne Kenntnis von Titel und Urheber schwer einzuordnen. Anhaltspunkte, dass es sich um Seestücke handelt, geben die Wellenkämme, die Wolkenformationen und – wie im Fall von «Herbstmeer XI» – die Andeutung einer Küste, die als Felskuppe über die Horizontlinie hinausragt. Luft und Wasser sind in leuchtenden Farben gemalt, nehmen am Himmel abzeichnende Lichtspiele auf. Die aufgepeitschte Ostsee und die schweren Wolken evozieren den Eindruck von Sturmböen; nicht nur die Natur ist aufgewühlt, sondern auch das Innenleben des Malers. Die dramatische Stimmung und die Weite von Meer und Himmel vermitteln das Gefühl von Erhabenheit und lassen die Gemälde als Ausdruck von Naturverehrung verstehen. So bilden die «Herbstmeere» nicht mehr im Sinne einer Impression ein Naturschauspiel ab, sondern enthalten eine spirituelle Komponente, indem sie über das Sichtbare hinaus auf das Unfassbare verweisen und, ganz im Sinne von Kandinsky, die Seele des Betrachters in Schwingung versetzen. Das Bildinventar ist aufs Minimum reduziert; der grösste Teil der Bildfläche wird von den Elementen Wasser und Luft eingenommen, die das Moment der Entgrenzung per se enthalten. Die Bilder sind beinahe ungegenständlich. Dafür spielt die Farbe eine umso grössere Rolle. Die Palette und der kraftvoll-dynamische Duktus sind die wesentlichen Ausdrucksträger.

ZEITGENOSSEN MUNCH, MONET, ENSOR, AMIET, VLAMINCK, HODLER
Für die kunstgeschichtliche Einbettung von Noldes «Herbstmeer XI» wurden aus dem Bestand des Kunsthaus Zürich Werke von Künstlern derselben Generation herbeigezogen, bei denen den Elementen Wasser und Himmel ebenfalls grosse Bedeutung zukommt, sei es als Sujets, als Spiegel atmosphärischen Lichtes oder als freier, unbesetzter Raum: «Winternacht» (um 1900) von Edvard Munch; «Marine» (um 1900/1910) von Jean Puy, «Der Dogenpalast, von San Giorgio Maggiore aus gesehen» (1908) von Claude Monet, «Segelboote bei Chatou» (1907) von Maurice Vlaminck, «Sonniger Wintertag» (1907) von Cuno Amiet, «Landschaft am See» (um 1910) von Albert Trachsel, «Strand von Ostende» (um 1915) von James Ensor und «Genfersee bei Sonnenuntergang» (1915) von Ferdinand Hodler. Die Kunst um 1900 bildet einen der Schwerpunkte der Sammlung des Kunsthaus Zürich. Den Querbezügen vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart wird im Jubiläumsjahr besondere Aufmerksamkeit zuteil.

Unterstützt durch Albers & Co

 

22.11.2009
Kunsthaus Zürich

 

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