
Carl Wilhelm Kolbe
Fantastischer, toter Weidenstamm, 1807-1808
Schwarze Kreide, 41,6 x 31,8 cm
Kunsthaus Zürich, Grafische Sammlung
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Kunsthaus Zürich
Heimplatz 1
8001 Zürich
Tel. +41 (0)44 253 84 84
Öffnungszeiten:
Sa/So/Di 10–18 Uhr,
Mi/Do/Fr 10–20 Uhr www.kunsthaus.ch
Der im Selbststudium zum Landschaftszeichner und Radierer aufgestiegene
Künstler und Sprachforscher Carl Wilhelm Kolbe ist eine der schillerndsten
Persönlichkeiten in der europäischen Kunst um 1800. Durch seine fantastischen,
nahezu surrealen Baum- und Sumpflandschaften, wo das Kraut hoch über die Köpfe
von Mensch und Tier wuchert, setzte er sich schon früh vom herrschenden
Geschmack ab. Seine Schöpfungen sind ein lange Zeit unterschätzter Beitrag zur
Grafik der Romantik. Der in Berlin geborene Künstler, der ein akademisches
Figurenstudium absolviert hatte, verbrachte die längste Zeit seines Lebens in
Dessau.
IN ZÜRICH WEGEN SALOMON GESSNER
Von 1805 bis 1808 weilte Kolbe in Zürich um Radierungen von den
Aquarellgouachen des damals berühmten, 1788 gestorbenen Maler-Poeten Salomon
Gessner anzufertigen. Kolbe wohnte bei dessen Angehörigen, wo er laut
Autobiographie drei seiner schönsten Jahre verbrachte. Doch Kolbes Aufenthalt in
der Limmatstadt war auch von einem historischen Umbruch gezeichnet: dem Ende des
Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Aus der Kreidezeichnung mit dem
fantastischen, toten Weidenstamm, die Kolbe damals schuf und die er der Zürcher
Künstlergesellschaft bei seinem Abschied schenkte, spricht tiefe Verunsicherung
über die Zukunft seiner Generation. In ihr drücken sich Bewunderung und Kritik
an der Idyllik seiner Vorgänger aus.
GEFÄHRDETE BALANCE ZWISCHEN MENSCH UND NATUR
Kolbes Baumlandschaften sind freie Schöpfungen der Fantasie. Im
Unterschied zu den streng komponierten Ideallandschaften eines Johann Christian
Reinhart oder Joseph Anton Koch liess sich Kolbe stets von der genauen
Beobachtung der Natur inspirieren. Vergleichbar mit den grenzenlosen
Raumvisionen eines Caspar David Friedrich gelingt es ihm, wenn auch mit anderen
Mitteln, die gefährdete Balance zwischen Mensch und Natur in beklemmender
Nahsicht zum Ausdruck zu bringen. Gemeinsam ist diesen Pionieren der modernen
Landschaftsdarstellung die radikale Selbsterfahrung im Umgang mit Natur, die
alle damals geltenden Konventionen aus den Angeln hob.
WALDGÄNGER AUS LEIDENSCHAFT
Kolbe war ein leidenschaftlicher Waldgänger. Er hatte es sich zur
Gewohnheit gemacht, die Morgenstunden der Arbeit zu widmen und sich am
Nachmittag in der freien Natur zu bewegen. Hier kamen ihm die Ideen für seine
Kompositionen. Grundsätzlich lassen sich bei ihm zwei Typen der
Landschaftsdarstellung unterscheiden: die heroisch-idyllische, die sich vom
Ideal einer antikisch-arkadischen Fantasiewelt nährt, und die einsame, wilde
Waldgegend, in deren Zentrum ein einzelner Baum oder eine Baumgruppe die
Landschaft beseelt. Um in seinen Radierungen den lebendigen Geist der Landschaft
einzufangen, denn dies war sein erklärtes Ziel bei jeder Naturwiedergabe,
arbeitete Kolbe nach Skizzen, die er stets aus dem Gedächtnis anfertigte.
AUTODIDAKT UND MEISTERSTECHER
Kolbes Baumlandschaften stehen in der Druckgrafik am Ende einer
Entwicklung, welche im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ihren Höhepunkt
erreichte, bevor das Interesse an dieser Gattung auffallend zurückging. Als
Aussenseiter und Einzelgänger leistete Kolbe auf dem Gebiet der Druckgrafik
Überragendes. Erst der Engländer Samuel Palmer (1805-1881) und der Franzose
Rodolphe Bresdin (1822-1885) haben mit ihren visionären Landschaften ein
vergleichbares Niveau erreicht; wie Kolbe waren auch sie Autodidakten und
Meisterstecher in Einem.
Bernhard von Waldkirch ist Kurator der Ausstellung, die von der
Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau konzipiert und in Zusammenarbeit mit dem
Kunsthaus Zürich entstanden ist. Ein reich bebilderter Katalog mit Beiträgen von
namhaften Wissenschaftern führt in das facettenreiche oeuvre ein und kann am
Kunsthausshop für CHF 59.- erworben werden. |